Tierhaltung an sich

Es gibt zwei Sorten von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Sorten gibt, und die andere hat darunter zu leiden.

Tierhaltung finden wir ganz schön absurd.

Richtig begeistern können wir uns stattdessen für die gesellschaftliche Befreiung aller fühlenden Wesen aus der Herrschaft des Menschen, kurz: Tierbefreiung.

Mit Tierbefreiung sind also nicht nur Aktionen gemeint, die direkt Tiere aus ihren Gefängnissen holen. Im Rahmen von Nandu setzen wir uns stattdessen fröhlich solidarisch für den Abbau von Machtstrukturen ein – Macht von Menschen über Menschen genauso wie Macht von Menschen über andere Tiere.

Warum? Und warum das nicht völlig verrückt ist?

Dazu haben wir hier einige oft gestellte Fragen und mögliche Antworten aufgeschrieben.

Viel Freude beim kritischen Lesen!

Aktive im Netzwerk Nandu, Oktober 2011

PS: Sei gerne anderer Meinung als wir – wir freuen uns über Widerspruch und entwickeln uns immer gerne weiter.

 

 


Es ist natürlich, Tiere zu benutzen, oder?

Anders formuliert: Haben Menschen das nicht schon immer gemacht? Sagt die Länge unseres Darms oder unserer Zähne nicht etwas darüber aus, wofür wir "bestimmt" sind? Essen andere Tiere nicht auch Tiere?

All dies ist zum Glück nicht relevant für die eigentliche Frage "Wie sollten wir leben?", denn sonst ließen sich so auch Gruseligkeiten wie Kindsmord, Unterdrückung der Frau und andere direkte Gewalt rechtfertigen. Mittlerweile gibt es hierzulande den Luxus, aus einem vielfältigen Speisenangebot frei wählen zu können, ob Tierprodukte dabei sein sollen oder nicht. Womit lässt sich die Beherrschung und Benutzung anderer Individuen dann noch begründen? Wir brauchen uns also nicht mehr am engen Handlungsspielraum der Menschen in der Steinzeit oder der Löwen zu orientieren, sondern daran, wozu wir heute ohne Probleme fähig sind: Bewusste ethische Entscheidungen zu treffen und uns im Laden um die Ecke problemlos mit veganen Leckereien einzudecken.


Ist es nicht ungesund, vegan zu leben?

Wesentlich mehr gesundheitliche Probleme bereiten Fleisch, Milch und Eier. Herz-Kreislauf-Probleme, Gelenkerkrankungen wie Rheuma oder Gicht, Milchunverträglichkeit und -allergien, Salmonellen, BSE, Antibiotika- und Hormonrückstände, Schwermetalle in Fisch, Übergewicht... Die Liste der gesundheitlichen Risiken durch Tierprodukte ist lang. [1] Dazu kommen noch Seuchen wie die Schweinegrippe, die ohne Tierhaltung gar nicht entstehen würden. [2]

Beim Veganismus ist die Lage überschaubarer und einfach zu lösen: Besondere Beachtung verdienen lediglich B12, Eisen, Calcium und Vitamin D. Die letzten drei sind durch ausgewogene pflanzliche Lebensmittelwahl ausreichend verfügbar. B12 selbst ist ein Bakterienprodukt (wie beispielsweise Joghurt), das sich durch Bakterienkulturen einfach herstellen und essen lässt. [3]


Was spricht gegen Milch und Eier?

Für beides werden Tiere ebenso wie für Fleisch gezüchtet, eingesperrt, benutzt und getötet.

Für Milch müssen Kühe regelmäßig zwangsweise geschwängert werden. Um an ihre Milch zu gelangen, werden ihre Kälber spätestens zwei Tage nach der Geburt weggenommen und auch früher oder später wieder getötet. Um den Ertrag zu maximieren, gibt es heute ausschließlich Zuchten mit extrem vergrößerten Milchdrüsen (Eutern), die für die Kühe mit Schmerzen durch regelmäßige Krankheiten wie Euterentzündung, Hufspaltung und Osteoporose verbunden sind. Genau so wie für Fleisch gibt es für Milch zwangsläufig Tiertransporte und Schlachtungen: die der „Nebenprodukte“ Kälber und die der nach etwa 5 Jahren nicht mehr „rentablen“ Kühe. Eigentlich könnten diese sensiblen Wesen 20 Jahre alt werden.

Mehr dazu beispielsweise auf www.ausgemolken.net.

Bei der Zucht von Legehennen schlüpfen zur Hälfte männliche Küken, die sofort vergast oder zerschreddert werden. Sie für den Fleischkonsum zu mästen, lohnt sich wirtschaftlich nicht, da dazu andere Züchtungen verwendet werden, die mehr Fleisch ansetzen. Im Vergleich zu ihren Vorfahren müssen die Körper heutiger Legehühner das zehnfache an Eiern produzieren, was sie komplett auszehrt und wiederum mit Krankheiten und Mangelerscheinungen einhergeht. Nach ein bis zwei Jahren lässt ihre „Legeleistung“ so stark nach, dass sie als Produktionsmaschinen für Eier nicht mehr rentabel genug sind und getötet werden.


Aber Biohaltung ist artgerecht, oder?

Biotiere haben geringfügig mehr Platz und gelegentlich sogar einen Namen. Trotzdem treffen auch für die Biohaltung alle obigen Probleme zu. Auch hier gelten die Tiere als Produktionsmaschinen, als "für uns da", und werden unter dem Zwang der Profitmaximierung ausgebeutet.

„Artgerechte Nutztierhaltung“ und „Tierschutz beim Töten“ sind Widersprüche in sich. Es wird keiner Tierart gerecht, eingesperrt zu werden. Kein Tier wird dadurch geschützt, dass es in früher Jugend getötet wird, weil es nicht mehr wirtschaftlich ist oder gegessen werden soll. Das verdrängen wir bei Schwein, Kuh und Huhn gerne. [4]


Benötigen wir Biotiere nicht als Düngerlieferanten?

Da Ökolandbau grundsätzlich ohne Kunstdünger arbeitet, beruht sein gesamter Stickstoffeintrag auf Leguminosen, also Pflanzen, die Stickstoff aus der Luft binden. In der aktuellen Praxis wird der Stickstoff dann meist durchs Verfüttern an Tiere konzentriert und in Form ihrer Ausscheidungen verwendet. Bioveganer Landbau lässt diesen Schritt weg und beruht rein auf Gründüngung durch Leguminosen. Da das Interesse daran bislang gering war, gibt es noch nicht viel Forschung über die Erträge und das Verbesserungspotenzial von bioveganem Landbau. Eine offene Aufgabe für die Zukunft.

Phosphor und Kalium, die beiden anderen entscheidenden Stoffe, für die normaler Weise gedüngt wird, sind Mineralien, deren Zufuhr im bioveganen Landbau ein ebenso großes oder kleines Problem ist wie in der tierbenutzenden Landwirtschaft.


Aber es isst und trägt doch praktisch so gut wie jede_r* Tierprodukte. Kann es dann wirklich so unvernünftig sein?

Zum einen waren viele Praktiken, die wir heute für unethisch oder unvernünftig halten, lange Zeit gesellschaftlich anerkannt.

Zum anderen ändern Individuen und Gesellschaften sich nicht einfach aufgrund rationaler Überlegungen. Zwei wichtige Aspekte, die oft gegen Veränderung wirken, sind kulturelle Bedeutungen, mit denen das Bestehende aufgeladen ist, sowie gesellschaftliche Machtstrukturen.


Welche kulturelle Bedeutung hat Fleisch denn für uns?

Es gibt ganze Bücher darüber, mit welcher Bedeutung wir Fleisch in unseren Gesellschaften aufladen. Ein solches lesenswertes Buch ist „Fleisch – Symbol der Macht“ von Nick Fiddes [5]. Hier eine Auswahl von Aspekten, die erahnen lassen, dass die Menschheit nicht in erster Linie am Essen der Körper anderer Tiere festhält, weil es ihr um nüchterne Erwägungen bezüglich Ethik oder Nährwert ginge:

  • Wie nichts sonst symbolisiert Fleisch den Sieg und die Macht des Menschen über die Natur. Die Zähmung und Beherrschung des „Wilden“ ist ein wichtiger Stützpfeiler unserer fragilen Hoffnung, dass die menschliche Zivilisation legitim und sicher sei. Rituale wie der Stierkampf künden bis heute von der Bedeutung, die die symbolische Feier der Erhöhung des Menschen über andere Tierarten für unser Selbstverständnis hat.
  • Das Einverleiben des Körpers – und damit symbolisch des Lebens und der Seele anderer Tiere – verleiht in der Vorstellung dem Menschen körperliche Kraft, Gesundheit und Erfolg. Ungeprüft geht bis heute eine Mehrzahl der Menschen davon aus, dass für körperliche Arbeit und sportliche Betätigung Fleisch unabdingbar sei.
  • Das vordergründigste Argument für ein Festhalten am Fleischkonsum trotz besseren Wissens ist meist der Geschmack der zubereiteten Tierkörper. Hier steht Fleisch für die Sicherheit, das erlernte Geschmacksempfinden nicht verändern zu müssen, sondern einfach an dem festhalten zu können, was an Geschmackserinnerungen in die früheste Kindheit zurückreicht.
  • Fleischverzehr symbolisierte historisch den Reichtum elitärer Klassen, also von Wohlhabenden und Mächtigen. Heute kaufen sich auch ökonomisch benachteiligte Gruppen ihren gefühlten „Anteil am Wohlstand“ im billigen Fleisch.
  • Seit Beginn der menschlichen Geschichtsschreibung gibt es eine enge kulturelle Verzahnung von Tierausbeutung einerseits und Krieg und Gewalt andererseits. Techniken des Jagens, Bekriegens, Einsperrens, Quälens, Tötens, Ausrottens, Erniedrigens, Verdinglichens und Ausbeutens von Menschen wie von Tieren haben sich gegenseitig befruchtet und legitimiert. Eine Gesellschaft, die bis heute ihre Soldat_innen auf „Schlachtfeldern“ andere Menschen töten lassen will, tut gut daran, „Schlachthöfe“ weiterhin als normal und ethisch vertretbar zu betrachten und ihre Mitglieder nicht all zu mitfühlend und nachdenklich gegenüber Schwächeren werden zu lassen.
  • In der Jagd gelingt es dem Menschen, das unnötige Vergreifen an Schwächeren als „fairen Kampf“ oder „ökologischen Gnadenakt“ zu sehen. Es wird als ein „herrliches“ Hobby inszeniert, bei dem mit gutem Gewissen das Vergnügen am Richten über Leben und Tod und der Nervenkitzel eines vermeintlich ursprünglichen und gefährlichen Abenteuers ausgelebt werden können. In Ländern wie Großbritannien symbolisiert die Jagd zudem noch mehr als in Deutschland die Privilegien des Adels und der landbesitzenden Klasse.
  • Ein ähnliches Paradox verkörpert das Angeln: Das brutale und sinnlose Töten sensibler Tiere wird zum weitverbreiteten Hobby besonders für „friedliche“ Menschen, die die Ruhe der Natur suchen. Weil Fische nicht schreien, während sie tödliche Schmerzen verspüren und ersticken.
  • In zahlreichen Kulturen, so zum Beispiel in der deutschen, wird Nahrung fast mit Fleisch gleichgesetzt, also in erster Linie als Fleisch gesehen. „Ein Essen ohne Fleisch ist kein Essen“, hat wohl jede_r schon einmal gehört. Die zentrale Position, die Fleisch auf dem Teller einnimmt, wo sich dann die „Beilagen“ nur noch herum drapieren, steht dabei im Widerspruch selbst zu Ernährungsempfehlungen konservativer „Ernährungspyramiden“.
  • Eine ganz wesentliche Rolle für die Bedeutung von Fleisch spielt die Tradition. Was wir von unseren Eltern und Großeltern gelernt haben, was scheinbar seit Jahrtausenden fester Bestandteil der menschlichen Kultur ist, was anders zu denken wir und all die lieben Menschen um uns herum nie gelernt haben, lässt sich natürlich nur schwer aufgrund einiger rationaler und ethischer Überlegungen ablegen. Damit würden wir nicht nur unser eigenes Selbstbild infrage stellen, demzufolge wir ethisch handelnde Wesen waren und sind, sondern auch noch das unserer Familien und Freundeskreise, über das wir Menschen uns ganz wesentlich definieren.
  • Essen ist weit mehr als einfach nur Nahrungsaufnahme. Essen ist Zeremonie, Ritual, Kommunikationsmittel, Essen ist Ausdruck von Gastlichkeit, Freundschaft und Zuneigung. Die Benutzung verschiedener Tiere entspricht dabei gewissermaßen den Ausdrücken einer Sprache, die wir gelernt haben. Wurst und Käse zum Frühstück, Gans zu Weihnachten, Eier zu Ostern, Fleisch für werte Gäste, Hummer für den Luxus, Döner auf die Hand, Braten zum Sonntag, Fisch an der Küste, Wild im Wald, Fleischkäse in Bayern, Currywurst in Berlin, Salat mit Putenstreifen für die Liebste, Steak für den Liebsten, Schnitzel fürs Kind, Würstchen auf den Grill ... Wer den Chef, der zu Besuch kommt, mit Gemüseeintopf bewirtet, oder wer auf den Grill mit Freunden mit einem Mal marinierte Auberginen legt, stört den gewohnten Ablauf und spricht plötzlich eine verwirrende und damit beängstigende Sprache. Nicht zuletzt deshalb eignet sich Vegetarismus / Veganismus natürlich auch gut als Zeichen des Widerspruchs, der Auflehnung.
  • Eine besondere Verbindung gibt es  zwischen Fleisch und Männlichkeit bzw. Patriarchat. Männer verzehren im deutschen Durchschnitt doppelt soviel Fleisch, Wurstwaren und Fleischerzeugnisse wie Frauen [6]. Idealtypische „Männer“ essen rotes, blutiges Fleisch; „Frauen“ geziemt eher weißes Fleisch. Der Grill ist die Domäne, wo die Zubereitung von Speisen – anders als im Alltag der meisten Familien – zum männlichen Akt der Darstellung von Kontrolle, Können, Unabhängigkeit und Versorgung wird. Faszinierende Einblicke gibt hier die Zeitschrift „Beef“, die ein patriarchales Männerbild feiert, in dem richtige Männer sich mit Fleisch gegen feministische Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit wehren („weil wir nicht 25 Mal im Monat kochen, sondern viermal im Jahr“ [7]). Aus dem gleichen Grund ranken sich Tausende von Mythen um das fiktive Bild des Jägers, der dem Mammut nachstellt, während seine Frau in der Höhle die Kinder mit gesammelten Beeren füttert.
    Auch unsere Sprache entlarvt erstaunliche Parallelen in der Sicht auf Frauen und auf Tiere: Der Mann ist der Mensch (engl.: „man“) und der Jäger; die Frau ist die Beute, das „zarte“ Reh, das es zu erlegen gilt. Anspielungen auf Frauen als Fleisch beziehen sich vor allem auf die Eigenschaft „essbar“ bzw. „beherrschbar“, während Männlichkeit (bzw. männliche Potenz) vorwiegend dann mit Fleisch in Verbindung gesetzt wird, wenn es um die dem Fleisch zugeschriebene Eigenschaft „stark“ geht. Der Mann steht für Ratio und Kultur, die Frau steht für Emotio und Natur. Damit wird sie dem Tier oder dem stereotypen „Wilden“ als näherstehend dargestellt als dem Mann. So wie das Tier für den Menschen da sei, sei die Frau für den Mann da; beide müssten gezähmt und unter Kontrolle gehalten werden. Wenn unsere Gesellschaften sich heute auch teilweise von dieser plumpen Variante männlicher Dominanz verabschiedet haben, bildet sie nach wie vor die ideologische Grundlage des real existierenden Patriarchats mit seinen starken geschlechtlichen Unterschieden in Bezug auf gesellschaftliche Teilhabe, kulturelle Repräsentanz, Wohlstand und Selbstbestimmung.
  • Mit Pelz gelingt das Kunststück, ein blutiges steinzeitliches Kleidungsstück bis in die Postmoderne hinein als Luxus und Statussymbol zu verkaufen.
  • Weitere zum Nachdenken anregende Phänomene, die veranschaulichen, dass die Symbolik, die wir mit totem tierischem Gewebe verbinden, uns oft mehr beeinflusst als die Frage, ob es „lecker“ ist:
    • Warum haben wir im deutschsprachigen Raum eine Abscheu vor dem Verzehr von Hunden und Katzen?
    • Warum halten wir Kulturen für „unmenschlich“, in denen Hunde, Katzen, Affengehirne oder Delfine auf der Speisekarte stehen, während unser eigener Tierverzehr uns als „human“ gilt?
    • Warum essen wir keine Menschen, selbst wenn sie eines natürlichen Todes gestorben sind? Und halten andererseits hartnäckig den nichtbelegten Mythos aufrecht, andere, angeblich „wilde“ Kulturen täten dies auf regelmäßiger Basis?


Und welche Symbolik steckt aus welchen Gründen in der Milch?

Im zerstörten Europa nach 1945 wurde mit massivem Förderaufwand die Landwirtschaft wiederaufgebaut, um schnellstmöglich die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln wieder zu erreichen – ein wichtiges politisches Ziel für jede Region, die als Weltmacht wieder einigermaßen unabhängig agieren können will. Seit Ende der 70er Jahre jedoch führten diese Maßnahmen zur Überproduktion, es entstanden die legendären Butterberge und Milchseen. Durch Überangebot und extrem niedrige Lebensmittelpreise hingen die Bäuerinnen und Bauern nun am Tropf der EG-Subventionen, um weiter überleben zu können.

Diese Situation besteht bis heute. Die Subventionsmaschinerie ließ sich nicht mehr einfach gegen den Willen der strukturell mächtigen Agrarlobby abbauen, und noch heute fließt in die Landwirtschaft nach wie vor mit grob 50 Milliarden Euro jährlich über ein Drittel des gesamten EU-Haushaltes. Statt das Überangebot abzubauen, ging die Europäische Gemeinschaft also einen anderen Weg: Die Nachfrage musste erhöht werden, zunächst im innereuropäischen Raum und später im Ausland, wozu die berüchtigten Exportsubventionen entstanden, die noch heute die Landwirtschaft ärmerer Weltregionen ruinieren. [8]

Für die Milch entstand deshalb staatlich und privatwirtschaftlich ein Marketingapparat, der uns bis heute verkaufsfördernd einredet, „die Milch macht’s“. Der weiße Saft eignet sich hervorragend als Projektionsfläche für ein weißes Image. Reinheit, Kraft, Schönheit, Gesundheit, ja geradezu Unabdingbarkeit für die geistige und physische Entwicklung junger wie alter Homo sapiens.

Dazu kommt eine enge ideelle Verknüpfung mit der Muttermilch des Menschen, als handele es sich im Prinzip um den gleichen Stoff, nur dass die Muttermilch des Rindes zusätzlich durch unsere fürsorgende heimische Industrie gereinigt und veredelt wird. So verbindet die Werbung mit Milch gerne patriarchale Bilder von reiner und aufopfernder Mutterschaft und kindlicher Unschuld, von in Pastellfarben gezeigten Frauen beim (natürlich nur angedeuteten) Stillen oder Versorgen ihrer Kinder mit Milchschnitte, mit „dem Besten aus 1/3 Liter entrahmter Milch“ (Nutella), mit wundersamen Trinkjoghurtkulturen, mit „so Wertvollem wie einem kleinen Steak“ (Fruchtzwerge), und so weiter, und so weiter.

Zum Zwecke der eigenen Schönheitsoptimierung sollen speziell Frauen auch selbst die Sekrete überzüchteter weiblicher Rinder zu sich nehmen, etwa in Form schlankmachender Joghurette, oder sich Milch auf die Haut reiben (hier gehört zur magischen Schönheitsformel aus christlich-historischen Gründen noch Honig dazu).

Die wahren Bilder von mit Exkrementen bedeckten, oft Eiter und Blut tropfenden entzündeten Kuheutern werden dann, wenn sie durch unabhängige Recherchen gelegentlich im Fernsehen auftauchen, als Einzelfälle abgetan, da diese Bilder sich nicht mit unseren gelernten Vorstellungen der Reinheit und Unschuld von Milch vereinbaren lassen.

Auch was die Form der Landwirtschaft betrifft, schafft die Milchindustrie den Spagat zwischen der Realität der Milchproduktion und der gegenteiligen Phantasie auf der Packung. Beim Kauf lachen uns die Phantasiebilder einer heilen kleinbäuerlichen Landwirtschaft an, die durch genau jene Molkereien, Milchkonzerne und großen Agrarindustriellen, die den Milchmarkt bestimmen, derzeit gnadenlos zerstört wird.

Mehr Infos zur Milch auf www.ausgemolken.net.


Was sind das für Machtstrukturen, die die Verdinglichung und Ausbeutung von Tieren zementieren?

In marktwirtschaftlich-kapitalistisch organisierten Gesellschaften richten sich Entscheidungen strukturell in erster Linie nach wirtschaftlichen Interessen. Wer in Märkten agiert (so wie derzeit wir alle), muss ökonomisch mindestens so knallhart kalkulieren wie die anderen, wenn sie oder er nicht stark benachteiligt werden, zu den „Verlierer_innen“ gemacht werden will. Das gilt für Kapitalbesitzer_innen und -verwalter_innen ebenso wie für die, die lediglich ihre Arbeitskraft auf dem „Arbeitsmarkt“ verkaufen können, wobei allerdings Erstere wesentlich mehr Macht und Spielraum haben.

Der Einfluss dieser sich selbst als „Elite“ begreifenden Klassen führt dazu und erhöht sich noch dadurch, dass der Staat in solchen Gesellschaften primär dem Schutz von Kapitalinteressen dient, indem er eine stark ungleiche Eigentumsverteilung ideologisch und polizeilich absichert, Infrastruktur und finanzielle Unterstützung für individuell-gewinnorientiertes Wirtschaften zur Verfügung stellt und gegenüber den Menschen im In- und Ausland, die er als nicht staatszugehörig definiert, die ökonomischen Interessen seiner Privatwirtschaft mit Gewalt durchsetzt.

In puncto Tierausbeutung stehen gegen einen ethisch-rational begründeten Wandel also die massiven Interessen ...

  • ... der tierhaltenden und futtererzeugenden Landwirtschaft (Investitionen in Tierhaltungsanlagen sind auf Jahrzehnte geplant, damit sie rentabel werden; und weil unsere Tierhaltung derzeit wesentlich mehr angebaute Pflanzen verschlingt, als für den direkten menschlichen Verzehr nötig wären, sind auch Pflanzenanbauer_innen stark an Tierhaltung interessiert)
  • ... und der von Tierbenutzung profitierenden Industrien (von Futtersaatgutkonzernen, Agrochemie, Futterhandel und -transport über Tieranlagenhersteller, Veterinärämter, Antibiotika- und Hormonherstellung, Tiertransporte, Schlachtereien, Molkereien und Designfoodkonzerne bis zu Supermarktketten, Metzgereien, Fastfoodkonzernen und Restaurants, außerdem „Biogas“, Leder-, Pelz- und Wollindustrie, Borstenverarbeitung, Klebstoffherstellung, Tierversuchsindustrie, biotechnologischer Wissenschaftszirkus, Heimtierbranche, Zirkusse und Zoos, Filmtierindustrie, Reitindustrie, Jagd- und Angelindustrie, ... und die Heerschar der damit einhergehenden Lobbyverbände, Marketingberater, Werbeprofis, Fachzeitschriften, ...).

Tiere werden also nicht ausgebeutet, weil wir ansonsten verhungern oder Landwirt_innen sonst zwangsläufig verarmen müssten oder weil irgendjemand ein „schlechter Mensch“ ist, sondern unter anderem weil unser Wirtschaftssystem für Strukturen sorgt, die der reinen Kapitalverwertung statt ethischen Überlegungen oder bedürfnisgerechtem Wirtschaften dienen.

Zum Glück ist das kein Naturgesetz, das nicht verändert werden könnte. [9]

Anders als ausgebeutete Tiere haben wir als Menschen die Option, uns gegen Unterdrückung zu organisieren, zu protestieren, uns durch Nichtkooperation (Streiks sowie soziale, wirtschaftliche und politische Boykotts) zu wehren und mit direkten Aktionen einer besseren Welt für alle fühlenden Lebewesen näher zu kommen.



Quellenangaben und Links: