Welthandel und Welthunger - Redebeitrag zur Welthungerdemo in Köln

  • Autor_in: Erasmus Müller
  • Quelle: www.nandu.net
  • Jahr: 2008

von Erasmus Müller, 2008

Als kleiner Junge dachte ich: Hunger in armen Ländern kommt daher, dass da nichts wächst und auch noch ständig Dürre ist. Heute weiß ich: In vielen der Länder, in denen wirklich gehungert wird, wächst viel mehr als bei uns, wo fast ein halbes Jahr Winter ist. Heute weiß ich: Dass 850 Millionen Menschen hungern, ist ein schmutziges Spiel mit vielen Akteuren. Und wie immer ist es nicht nur Zufall, wenn es jemandem wirtschaftlich dreckig geht.

Die Gewinner in diesem Spiel heißen beispielsweise EU und USA, aber dort natürlich bei weitem nicht alle, denn auch im „reichen“ Norden geht die Schere zwischen wenigen Gewinner_innen und vielen Verliere_innen immer weiter auseinander. Die Gewinnenden sind konkreter große Konzerne und die wenigen Menschen, die davon profitieren, wenn es diesen Konzernen gut geht.

Die Instrumente der Gewinner_innen haben klingende Namen wie Weltbank, IWF, WTO, NAFTA und EPAs. Bei all diesen Institutionen und Abkommen geht es im Kern um Freihandel, Deregulierung und Privatisierung, kurz um neoliberale Globalisierung.

Lauter Wörter mit -ung hinten, die nicht auf Anhieb völlig klar sind. Wie funktioniert das jetzt also genauer? Ein Beispiel, wie es sich so oder ähnlich millionenfach auf der Welt abgespielt hat:

Kenia. Stell Dir vor, Du bist Bäuer_in in Kenia. Es ist 1993. Seit Du Dich erinnern kannst, hast Du Weizen angebaut. Den hast Du auf dem lokalen Markt verkauft und konntest davon auf dem Markt die restlichen Grundnahrungsmittel für Deine Familie einkaufen.

In Europa wird auch Weizen angebaut, und zwar viel zu viel für den europäischen Bedarf. „Macht nichts“, denkt sich die EU. „Der halbe EU-Haushalt ist ja zur Förderung der Landwirtschaft da, also mehrere Zehnmilliarden ECU/Euro. Damit subventionieren wir die Getreideexporte z.B. nach Kenia.“ Und das tut sie 1993 so stark, dass EU-Weizen in Kenia auf dem Markt nur noch die Hälfte kostet und damit billiger ist als Dein Weizen. Niemand kauft mehr bei Dir. Pech gehabt.

Kenia hatte natürlich Zölle gegen billigen Import von Dumpingweizen. Aber: 1993/94 will die kenianische Regierung einen Kredit von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF). „Kein Problem, gerne“, sagen Weltbank und IWF. „Aber dafür müsst Ihr ein ‚Strukturanpassungsprogramm’ durchführen.“ Das heißt: Zölle und Einfuhrbeschränkungen für Grundnahrungsmittel müssen runter, und die spezielle Förderung von Kleinbäuer_innen muss aufhören.

Dahinter stecken zwei Ideen:

  1. Große transnationale Konzerne sollen die gleichen Rahmenbedingungen haben wie Kleinbäuer_innen. Das rangiert zynischer Weise unter dem Stichwort „fairer Wettbewerb“ und lässt völlig die gewaltige Markt- und Lobbymacht dieser Konzerne außer Acht, mit der sie Märkte erobern und ihre kleinen Konkurrent_innen aus dem Feld werfen können. Dass McDonald’s, Nestle und Coca Cola überall auf der Welt in Massen anzutreffen sind, liegt nicht daran, dass ihre Produkte sonderlich gut schmeckten oder gesund wären.
  2. Jedes Land soll sich auf den Export dessen konzentrieren, was es am besten herstellen kann. Diese Produkte soll das Land auf dem Weltmarkt verkaufen und von dem Erlös seine Grundnahrungsmittel ebenfalls auf dem Weltmarkt einkaufen.

Im Falle Kenias hat sich herausgestellt, dass das Kaffee, Tee und vor allem Schnittblumen sind. Kenia ist heute der weltgrößte Exporteur von Blumen für den Norden. Dein Präsident 1993, Daniel arap Moi, findet diese Umstellung gut, denn er ist selbst Großgrundbesitzer und Agrarunternehmer, kann so eine Umstellung bewältigen und durchaus vom Export profitieren. Der Kredit wird also angenommen und in Kenia „die Struktur angepasst“.

Du und Millionen anderer kenianischer Kleinbäuer_innen haben jetzt ein Riesenproblem. Du bist leicht verschuldet, hast keine Rücklagen, zu wenig Land und weder Beziehungen noch Schmiergeld, um auf Blumen oder Kaffee umzustellen und billig für den Export zu produzieren. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung so wie Du von der Landwirtschaft gelebt hat, ist das fatal.

Auch in sogenannten Entwicklungsländern geht die Schere also auseinander: Während das Land als Ganzes in Statistiken vielleicht ein bisschen reicher wird, verlieren vor allem Kleinbäuer_innen, Landlose und Nomad_innen, also der größte Teil der Bevölkerung. Hierbei trifft es aus strukturellen Gründen wie so oft speziell Frauen, die um die 70 Prozent der weltweit Hungernden ausmachen.

So, Du hast jetzt mehrere Möglichkeiten.

  1. Du bringst Dich um. Das haben in Indien in den letzten Jahren tatsächlich tausende Bäuer_innen gemacht, die in den Ruin und die Abhängigkeit von transnationalen Saatgutkonzernen getrieben waren. Ganz schlechte Lösung. Und Deine Familie bleibt ohne Dich zurück und weiß immer noch nicht, wo heute abend das Essen herkommen soll.
  2. Du gibst auf und ziehst mit Deiner ganzen Familie in den Slum von Nairobi. Das haben schon eine Million Leute vor Dir gemacht, so dass mittlerweile 60 Prozent der Einwohner_innen Nairobis in Slums wohnen. Und wenn Du Pech hast, gehören Du oder Deine Kinder trotzdem zu den 20.000 Menschen, die weltweit morgen verhungern werden.
  3. Du schaffst irgendwie doch die Umstellung für den Export: Schnittblumen, Kaffee oder Tee. Die Sache hat nur einen großen Haken: Nun bist Du von Weltmarktpreisen abhängig, und zwar sowohl von denen für Dein Exportprodukt als auch von denen für Grundnahrungsmittel, auf die Du laut UNO ja eigentlich ein „Menschenrecht“ hast.

Nehmen wir also an, Du baust nun Kaffee an. Dann braucht nur irgendein anderer Staat Kaffeepreisdumping zu betreiben, und Dein Erlös geht in den Keller. Oder es gibt eine Dürre in einer anderen Erdregion, und der Preis für Reis, Getreide und Mais klettert. Oder der reiche Norden kommt auf die Idee, „Biosprit“ in seine Tanks zu packen, und der Preis für Lebensmittel klettert. Oder das Erdöl verdoppelt plötzlich seinen Preis und reißt aufgrund der Ölabhängigkeit der industriellen Landwirtschaft die Preise für Lebensmittel mit hoch. Oder eine Milliarde Menschen in China streben den ressourcenverschwendenden westlichen Fleisch- und Milchkonsum an, und der Preis für alle Lebensmittel steigt. Oder das internationale Finanzkapital sucht einen neuen „Anlage“-Markt und spekuliert in großem Stil auf steigende Lebensmittelpreise. Leuten, die hungern, kann man Essen teurer verkaufen, und die Deutsche Bank bietet mit ihren Agro-Fonds sogar deutschen Kleinanleger_innen die Möglichkeit, mit vom Hunger zu profitieren. Nur bist Du ja leider keine Investor_in im Norden, sondern immer noch die Bäuer_in in Kenia. Shit happens.

In den letzten 12 Monaten ließ sich prima beobachten, dass wenn diese preissteigernden Faktoren zusammenkommen, nach Schätzung des Welternährungsprogramms plötzlich 100 Millionen Menschen mehr hungern. Nicht wissen, wo morgen das Essen für sie und ihre Familie herkommen soll. Einfach mal eben so, mehr als die Bevölkerung Deutschlands. Und das nicht, weil da, wo sie wohnen, nichts wachsen würde.

Kurz: Dumping im Norden, erzwungene Liberalisierung im Süden, und aus ist es mit der Selbstversorgung, mit dem Menschenrecht auf Nahrung und mit der sogenannten Ernähungssouveränität. Aus ist es übrigens auch mit der derzeit wieder vielgepriesenen biologischen Vielfalt, wenn überall nur noch der gleiche Monsanto-Quatsch angebaut wird, wenn überall die gleichen Hybrid-Hühner im McDonald’s-Burger landen.

Ein weitverbreiteter Fehlschluss ist, dass die Gewinner die durchschnittlichen europäischen und nordamerikanischen Bäuer_innen sind. Das Gegenteil ist der Fall, die stecken selbst arg in der ökonomischen Klemme. Das Geld machen und die Subventionen landen entlang der ganzen Agrarproduktionskette bei transnationalen Konzernen: bei Saatgutkonzernen (Stichwort Monsanto), bei Nahrungsmittelkonzernen (Stichwort Nestle), beim Großhandel, bei Einzelhandelsketten (Metro-Gruppe, Wal-Mart, …) und nicht zuletzt bei Fraßfoodkonzernen wie McDonalds, für die „Liberalisierung“ bedeutet, überall auf der Welt mit geballter Macht kleine lokale Konkurrenten verdrängen zu können. Feiner Freihandel, wenn am Schluss überall die gleichen Oligopole herrschen.

Ich will hier heute drei Forderungen formulieren:

  1. Jedes Land hat das Recht zur Ernährungssouveränität und die Pflicht, diese für ihre Bevölkerung zu nutzen. „Ernährungssouveränität“ ist das Stichwort, unter dem Kleinbäuer_innenorganisationen wie La Via Campesina und NGOs wie FIAN und Attac viele ihrer Forderungen zusammenfassen: Die Möglichkeit, sich weitgehend selbst mit Grundnahrungsmitteln versorgen und über die politischen Rahmenbedingungen selbst bestimmen zu können.
  2. Menschenrechte gehen über Handelsrechte. Eigentlich selbstverständlich, und die UNO hat das sicher auch irgendwo mal aufgeschrieben. Die Krux ist nur: Die WTO als Hüterin der Handelsrechte hat verbindliche Straf- und Sanktionsmaßnahmen für ihre Mitgliedsstaaten, also für die meisten Staaten der Welt. Ein WTO-Mitgliedsstaat, der sich nicht an die Freihandelsregeln hält, wird effektiv gezwungen, das zu korrigieren. Die UNO hat so etwas nicht und schaut gern einfach dabei zu, wie in diesem Prozess das Menschenrecht auf Nahrung auf der Strecke bleibt.
  3. Die letzte Forderung heute ist etwas, was jede_r schon mal selbst machen kann, während wir gleichzeitig Druck auf Politik und Wirtschaft für ein Umsteuern aufbauen: Wenigstens schon mal aufhören, Tiere zu essen, damit sich die Preissituation für Grundnahrungsmittel kurzfristig entspannt. Wen die unwürdige Gefangenschaft von mehr als 17 Milliarden Tieren nicht stört, den bewegen vielleicht zumindest 900 Millionen hungernde Menschen, die dringend Entlastung und unsere Solidarität brauchen.

 

Kategorien: Ernährungssouveränität, Globalisierung, Grundnahrungsmittel, IWF, Kleinbauern, Weltbank, Welthunger, Welthungerdemo, WTO.



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